1949 entstanden aus den vier Besatzungszonen die beiden deutschen Staaten BRD und DDR. Die gegensätzlichen Systeme entwickelten sich sehr unterschiedlich in ihren Wirtschafts- und Gesellschaftsordnungen, Lebensstilen und Lebenslagen. Die Gründerjahre der Bundesrepublik dienten einem gemeinsamen Ziel: dem Wiederaufbau. Dabei war es kein kompletter Neuanfang, Altes existierte neben Neuem, vieles wiederholte sich in neuem Gewand. Es blieben der gewohnte Mief und die Spießigkeit, soziale Vorurteile wurden gepflegt, Flüchtlinge oft als Menschen 2.Klassse behandelt, später dann die Gastarbeiter, die aus Italien kamen.

In den Familien waren Anstand und gutes Benehmen wichtig, der Schein nach außen musste stimmen. Alles sollte seine Ordnung haben, blitzsauber sein, Haus und Kinder: Frauen putzten fleißig die Wohnungen, Männer ihre neuen Autos, Samstag wurde gebadet. Die Erziehung der Kinder erfolgte häufig mit harten Strafen, Prügel mit Teppichklopfer und Rohrstock waren keine Seltenheit. Jeder schaute auf den anderen, keiner wollte auffallen. Was könnte der Nachbar denken? Dieser Spruch wurde zur Norm erhoben.

Die bundesdeutschen Wohnzimmer wurden wie vor dem Krieg üblich mit wuchtigen Schränken, Esstischen und klobigen Polstersesseln bestückt. Die heutzutage als typisch geltenden Insignien der 50er wie Nierentisch, Cocktailtischchen und Tütenlampen kaufte sich nur die „moderne“ Minderheit. Gab es etwas zu feiern, tischte man gern Käseigel und Hawaiitoast auf. Wollte man der fleißigen Mutti etwas Gutes tun, blieb die Küche kalt und man zog in den „Wienerwald“, um sich ein Brathähnchen zu gönnen. In diese Zeit fiel auch die Erfindung der Currywurst.

Neue Geräte wie Staubsauger, Waschmaschine, Toaster und Mixer zogen in die Haushalte ein und erleichterten der Hausfrau die tägliche Arbeit. „Modern“ wurde allmählich zum Inbegriff für Abschied von den alten Zeiten. Neben bunten Reklameschildern weckte ab Mitte der 50er Jahre auch die Fernsehwerbung neue Wünsche und Sehnsüchte. Viele Produkte wie Underberg, Maggi und Palmolive gibt es heute noch, und das HB-Männchen wartete mit immer neuen Situationen auf, um (nicht) gleich in die Luft zu gehen. Die meisten Kinder dieser Generation wuchsen mit Lebertran und Rotbäckchen auf und freuten sich über die neuesten Abenteuer von Lurchi, dem pfiffigen Salamander aus dem Schuhgeschäft.

Die Freizeitgestaltung wurde anfangs noch bestimmt durch die Vorlieben der älteren Generation. Kinofilme waren besetzt mit den vertrauten UFA-Stars und gedreht von deren Regisseuren mit heiler Welt und ohne materielle Sorgen, vor allem im Heimatfilm oder auch in Kriegsfilmen, die die Kameradschaft besangen. „Sissi“ wurde geliebt, kritische Problemfilme hatten wenig Erfolg beim Publikum. 

Im Radio waren hauptsächlich Schlager von Cornelia Froboess, Freddy Quinn und anderen „Schnulzen“ zu hören, entsprechende Schallplatten wurden in Kofferradios und Musiktruhen gedudelt. Die einschlägigen Themen handelten von Liebe und Sehnsucht nach Heimat und Treue, die ganze heile Welt eben.

 Mehr als ein Drittel der Haushalte besaß zu dieser Zeit überhaupt keine Bücher. Man las auch lieber Heftchenromane mit Landser-, Heimat-, Arzt oder Wildwestthematik. Das erste Taschenbuch kam auf den Markt, der dtv-Verlag druckte die ersten Taschenbücher. Illustrierte und Zeitungen boten Fortsetzungsromane an, und 1952 erschien die erste BILD-Zeitung.

Der Rundfunk war damals von enormer Bedeutung, auch für die Verbreitung von Literatur. Das Hörspiel hatte in den 50er Jahren seine größte Zeit.

Vor dem Fernseher versammelte sich abends die gesamte Familie, um Rateshows zu sehen, von Robert Lembkes „Welches Schweinderl hätten Sie gern?“ über Kulenkampff bis zu Frankenfeld. In den Ferien fuhr man auch gern mal in den Süden, mit dem neuen Käfer und Zeltausrüstung im Gepäck.

Die jungen Leute trafen sich in Milchbars, die oft wie Pilze aussahen, und tranken das damalige Lieblingsgetränk, also Milch. Die Jugendzeitschrift „Bravo“ stand in allen Lebenslagen zur Verfügung.

1954 wurde die bundesdeutsche Nation durch den überraschenden WM-Sieg geeint und mit der vergangenen Schmach und Niederlage scheinbar versöhnt. Der Fußball leistete dadurch einen immensen Beitrag zum Seelenfrieden und wachsenden Selbstbewusstsein der Deutschen.

Dann trat eine epochale Wende ein: der Siegeszug des Rock’n Roll entfaltete sich als massenkulturelles Ereignis. Es entstand der große Bruch zwischen den Generationen, denn die Musik von Elvis Presley und Bill Haley wurde von den Älteren als bedrohlicher Lärm und Untergang des Abendlandes empfunden, wohingegen die Jungen sie enthusiastisch als Freiheit und westliches Lebensgefühl feierten. In jugendlicher Ekstase wurden schon mal Einrichtungen von Konzertsälen zertrümmert, und auch damals gab es schon wilde Auseinandersetzungen mit der Polizei und Straßenschlachten, vor allem in Großstädten.

Dazu erschienen Filme mit Darstellern wie James Dean „Denn sie wissen nicht was sie tun“, der zum Idol avancierte. Oder „Die Halbstarken“ mit Horst „Hotte“ Buchholz, mit dem Thema „Konflikte mit autoritären Eltern“. Jugendliche Rebellen wie Marlon Brando und Elvis Presley galten plötzlich als Vorbilder, lässig, kompromisslos.

Rasch entstand die neue Jugendbewegung: die Mädchen mit Pferdeschwanz oder toupiertem Bienenkorb trugen wippende Petticoats und Caprihosen, die Jungs frisierten sich mit Pomade einen Entenschwanz und Haartolle, hingen mit Zigarette im Mund und Nietenjeans herum und gaben den Halbstarken auf knatternden Mopeds. Die Jukebox wurde in angesagten Kneipen installiert und mit aktuellen Scheiben vor allem aus Amerika bestückt. Aber auch deutsche Sänger wie Peter Kraus sprangen auf die neue Rockwelle auf. Die brave Tanzmusik der Elterngeneration wich den heißen Rhythmen des neuen Sounds und die Jugend verrenkte dazu ihre Glieder, sehr zum Ärger und Entsetzen der „Alten“.

Daneben gab es noch die „Exis“, die Existentialisten, die vorwiegend Schwarz trugen, über Erkenntnisse von Sartre und Camus schwadronierten und sich bei Jazz und intellektuellen Themen die Köpfe heiß diskutierten.

Es prallten nun heftig die unterschiedlichen Welten, Sichtweisen und Bedürfnisse der Generationen aufeinander. Medizinische Errungenschaften wie Schluckimpfung gegen Kinderlähmung, Wirkstoff gegen Tuberkulose und Herz-Lungenmaschine wurden überschattet vom Contergan-Skandal. Die raffgierigen kapitalistisch geprägten Unternehmen, der kalte Krieg, die Adenauer-Regierung und vor allem der berühmt-berüchtigte „Muff unter den Talaren“ führten zu Aufruhr und Unruhe und ebnete den Weg zu den späteren gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen.

Denn über all dem Eifer der Nachkriegsjahre war versäumt worden, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Es herrschte Verdrängen, Vergessen, Schweigen. Die wichtigen Positionen waren von denselben Männern besetzt, die auch schon zuvor am Ruder waren. Nachvollziehbar, dass sich die Bevölkerung über das Wirtschaftswunder freute und die notwendige Aufarbeitung der Vergangenheit beiseite schob. Politik war der Mehrzahl der Bürger weniger wichtig, man wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden. Keine Experimente - damit warben sogar Parteien. Das Wirtschaftswunder kann auch als Fresswelle, Bekleidungswelle, Motorisierung, Urlaubswelle, kurz: Wohlstand für alle beschrieben werden.

 Und so bedeuten die 50er Jahre für die einen die „guten, alten Zeiten“, für die anderen stellen sie die „bleiernen“ Zeiten dar mit Spießigkeit und Mief. Fest steht, dass die Musik eine nicht zu überschätzende Rolle spielte für die gesamte Entwicklung der damaligen Gesellschaft, die bis zum heutigen Tage nachwirkt. c/10.2021

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50er Jahre als Lebensgefühl
von Esther Rager